78° N - Farbenpracht in Weiss

eine Ski- & Snowboardexpedition im hohen Norden von Svalbard

Mitte April reisten wir - René, Salomon und Stefan von der freshies.ch Crew - für eine Ski- und Snowboard-Expedition in den hohen Norden nach Svalbard (Spitzbergen).

Svalbard ist ein zu Norwegen gehörendes Archipel im Arktischen Ozean. Die über 400 Inseln und Schären liegen nördlich des Polarkreises zwischen 74° und 81° nördlicher Breite bzw. zwischen 10° und 35° östlicher Länge.

Während zweier Wochen unternahmen wir diverse Touren im eisigen Niemandsland und schlugen unsere Zelte auf dem Sagabreen auf, einem Seitenarm des Fridtjovbreen, des grössten Gletschers des zentralen Nordenskiöld Lands.

Unsere Erlebnisse und Eindrücke haben wir hier in Wort und Bild festgehalten - als Erinnerung für uns, aber auch um sie mit unseren Familien, Freunden und allen zu teilen, die sich dafür interessieren.

 

Jetzt ist es Zeit - heute Nacht
muss diese Nordwand dranglauben!

 

Die Zeiger auf der Uhr rückten bereits gegen Mitternacht, als wir aus unseren Zelten krochen. Unsere Blicke richteten sich einmal mehr zum Berg südlich unseres Basiscamps. Die unberührte Nordwand des unbenannten Peaks schien förmlich im violett-blauen Licht der Mitternachtssonne zu ertrinken und zog uns - einmal mehr - in ihren Bann. Und in diesem Moment waren wir uns einig:

"Jetzt ist es Zeit - heute Nacht muss diese Nordwand dran glauben!"

 

 

Wir weckten unseren Leadguide Greg Johnson aus seinem Tiefschlaf und warteten geduldig auf sein "Ok let's go for it boys - now!" Das Adrenalin schoss hoch in uns und selbst die klirrenden Temperaturen von fast -30° C konnten uns jetzt nicht mehr zurückhalten.

Aber halt - kehren wir erst einmal zurück zum eigentlich Beginn unseres Abenteuers im kalten Norden. Die Geschichte nahm ihren Anfang nämlich an einem Ort, der nicht gegensätzlicher hätte sein können.

Es war im vergangenen Spätsommer in Portugal während eines Surftrips, als wir über gemeinsame Projekte im kommenden Winter sinnierten. Wir sind schon viel gereist und hatten das Glück, bisher an unzähligen Orten unsere Spuren in den Schnee zu ziehen. Dieses Mal sollte es etwas Unberührtes und weit ab von der Zivilisation sein. Vielleicht sogar noch gänzlich unbekannt - zumindest für uns. Als Stefan im Internet plötzlich auf unglaublich schöne Bilder von Spitzbergen stiess, waren wir auf Anhieb von der unberührten Natur fasziniert.

Kann man dort freeriden? Wie kommen wir überhaupt dorthin? In welcher Jahreszeit ist es denn möglich, so weit in den Norden zu reisen? Fragen über Fragen, die uns nicht mehr losliessen!

Die Neugier hatte uns gepackt und wir recherchierten weiter. Bald fanden wir heraus, dass es auf Svalbard eine Logistikbasis namens "The Empire" gibt, die Expeditionen in dieses Niemandsland anbietet. Und der Zufall wollte es, dass  "The Empire" im Frühjahr die erste Freeride-Expedition in ein Gebiet plante, in welchem - soweit dies den Einheimischen vor Ort bekannt war - noch nie jemand mit Skis oder Snowboards unterwegs war. Wow - erst einmal waren wir überwältigt von der Idee und entschieden sogleich, diese in die Realität umzusetzen.

Zurück in der Schweiz nahmen wir die Detailplanung an die Hand. Die Mailserver liefen heiss, die Material- und Checklisten wurden länger und länger; und der Geduldsfaden immer dünner. So war es höchste Zeit, als wir an einem herrlichen Frühlingstag Mitte April endlich am Flughafen Zürich am Check-In standen, um unser Expeditionsmaterial auf die Reise zu schicken. So lange Gesichter hatten wir an einem Check-in Schalter noch nie gesehen. Wir hingegen fanden neun Taschen mit insgesamt 200 Kilogramm Material und Kleidung für zwei Wochen Abenteuer eigentlich noch ganz vernünftig.

Svalbard

Svalbard (norwegisch für "kühle Küste") ist ein zu Norwegen gehörendes Archipel im Arktischen Ozean. Die…

Longyearbyen

Longyearbyen ist mit rund 2'000 Einwohner der grösste Ort und das Verwaltungszentrum von Svalbard. Der…

Eisbären

Auf Svalbard gibt es mehr Eisbären als Einwohner.
 
 

 

Im Polarmeer treibende Eisschollen machten unmissverständlich klar - wir sind im kalten Norden angekommen.

Was für ein surrealer Anblick beim Anflug auf Svalbard einen Teppich von Eisschollen übers Polarmeer treiben zu sehen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir im hohen Norden angekommen waren. Nur kurze Zeit später standen wir mit einem etwas mulmigen Gefühl neben einem grossen Eisbären - glücklicherweise nur ein ausgestopftes Exemplar in der Ankunftshalle des Lufthavn Svalbard - und mitten in unseren Dufflebags. "You must be the guys from Switzeland!‘‘ ("Ihr müsst die Jungs aus der Schweiz sein!") empfing uns eine bärtige Gestalt mit dicker Pelzjacke und breitem Grinsen. Scheinbar waren wir für unseren Guide Steve Lewis schon von weitem auszumachen. Draussen vor der Halle wehte ein eisiger Wind. Wir luden unser Gepäck so schnell wie möglich in den bereitstehenden Bus.

Je weiter wir uns dem Ort an der Küste des Adventfjords näherten, desto mehr erinnerte uns Longyearbyen an eine Mischung aus einer russischen Polarforschungsstation, einer Kohleminenstadt aus vergangenen Zeiten und einer neuzeitlichen farbigen Reihenhäuschensiedlung aus dem Bilderbuch. Hölzerne, steinzeitlich anmutende Förderseilbahnen zogen sich von überall her den schwarzgrauen, leicht schneebedeckten Tafelbergen entlang. Und auch wenn die Förderseilbahnen längst stillstehen, zeichnet das von russischen Mineuren immer noch betriebene Kohleförderprogramm auch heute seine Spuren ins ewige Eis. Umso erfrischender blitzten in der Ferne die steil aus dem Polarmeer ragenden weissen Bergketten im kargen Licht der Mitternachtssonne.

Da waren wir nun also. Auf der sagenumwobenen und von uns seit Monaten herbeigesehnten norwegischen Inselgruppe Spitzbergen. 78° nördlich Breite. Irgendwo zwischen Nordkap und Nordpol. Kalt und karg. Auf den ersten Blick unwirtlich. Und doch von berauschender Schönheit.

alte Förderseilbahnen bei Longyearbyen (Bild: Stefan Monn)

Sonnenunter- und -aufgang im Adventfjord bei Longyearbyen (Bild: René Keiser)Trotz fortgeschrittener Stunde konnte uns nichts halten, als plötzlich die Sonne die Umgebung in pink violettes Licht tauchte. Euphorisch und mit all unseren Kameras bewaffnet, rannten wir raus in die klirrende Kälte, um wie japanische Touristen diese einmalige Stimmung festzuhalten. Nach knapp drei Stunden wurden wir uns aber bewusst, dass die Sonne um diese Jahreszeit tatsächlich niemals untergeht und sich dieses Naturschauspiel in den nächsten zwei Wochen für uns noch öfters wiederholen wird. Offenbar braucht man etwas Zeit, um dies wirklich zu begreifen. Und so legten wir uns an unserem ersten Tag auf Svalbard erst morgens um drei Uhr - trotz inzwischen gleissender Sonne - ein erstes Mal schlafen.

Unsere Bleibe für die ersten Tage war der Russkiy Dom, ein von Fyodor Gilbo geführtes und gerade erst fertig gebautes russisches Hostel, welches in Zukunft als Zwischenstation und Trainingsbasis für kommende Nordpolexpeditionen dienen soll. Genau der richtige Ort um uns mit dem lokalen Logistikpartner und Arctic Guide Steve Lewis von The Empire und den beiden Guides Greg Johnson und Ryan Koupal von 40 Tribes Backcountry auf die kommende Freeride Expedition vorzubereiten. Denn es gabo noch einiges zu erledigen, bevor wir uns in die unberührte Wildnis rund um den Sagabreen und das Hanekammengebirge hineinwagen konnten.

In den ersten Tagen wollten wir einige kleinere Akklimatisierungstouren im umliegenden Gelände von Longyearbyen unternehmen, um uns mit der arktischen Kälte von bis -30° C, den lokalen Schneeverhältnissen und den teilweise ungewohnten Couloirs anzufreunden. Auch ein minutiöser Gear-Check durfte nicht fehlen, um keinesfalls überlebenswichtige Ausrüstung zurück zu lassen bzw. um fehlendes Material noch vor Ort zu organisieren. Denn wer wollte schon ohne richtig fette Daunenhandschuhe mehrere Tage in der klirrenden Kälte auf einem windigen Gletscher campieren?

Blick über Longyearbyen (Bild: Stefan Monn)Auch der Tatsache, dass auf Svalbard die Eisbärenpopulation die Anzahl ortsansässiger Menschen übersteigt, galt es Rechnung zu tragen. Steve erklärte uns hierzu unmissverständlich, dass zu jedem Zeitpunkt der Expedition ein geladenes Jagdgewehr einsatzbereit sein müsse, um uns vor dem grössten Jäger der Arktis zu schützen. Und offenbar gab es hierfür nichts Besseres als eine vollmechanische Sturmflinte der Britischen Armee aus dem Zweiten Weltkrieg. "Alles andere würde in der eisigen Kälte der Arktis sowieso nicht funktionieren," meinte Steve nur. Die Flare Guns (zur Abschreckung und Signalisation in einem Notfall) und die Bedienungsanleitung fürs Satellitentelefon (das einzige Kommunikationsmittel während der Zeit in der Wildnis) waren da schon wieder leichtere Kost während des Sicherheitsbriefings.

alter Minentrolley bei Longyearbyen (Bild: Salomon Frei)

 

 

 

Gruvefjellet & Helvetiafjellet - die ersten Touren im arktischen Schnee

Lauki, Salomon und René beim Aufstieg auf den Gruvefjellet (Bild: Stefan Monn)

René beim Aufstieg auf den Helvetiafjellet (Bild: Stefan Monn)

Salomon und Stefan auf dem Rückweg nach Longyearbyen (Bild: Salomon Frei)

 

Nach all den Vorbereitungen waren wir nun bereit. Zusammen mit unserem isländischen Campguide und Snus-Ambassador Porlakur Laki Jon Ingolfsson (kurz 'Laki' - was wir uns auch einfacher merken konnten) wagten wir eine erste Hike 'n‘ Ride Tour über den Larsbreen auf den Gruvefjellet. Es fühlte sich verdammt gut an, die ersten Lines in den arktischen Schnee zu ziehen. Und die Couloirs am Gruvefjellet waren trotz 'dust on crust' Schnee so gut zu fahren, dass wir gleich ein zweites Mal den Aufstieg unter die Felle nahmen. Viel besser hätte unser erste Tourentag in der Arktis nicht verlaufen können.

Und die anschliessende Ladung Rentierburger zu heimischem Pale Ale in der Coal Minors' Bar & Grill tat unserer Vorfreude auf die kommende Expedition definitiv auch keinen Abbruch.

Noch ein weiterer Tag blieb übrig, um eine Snowcattour zum wie für uns Schweizer geschaffenen Helvetiafjellet zu machen. Leider zeigte uns das Wetter dieses Mal seine unberechenbare Seite und dichter Nebel und eisiger Wind zwangen uns, noch unterhalb des Gipfels frühzeitig umzukehren.

Umso mehr Spass hatten wir nach der Tour mit den Snowcats mit Vollgas wieder zurück Richtung Russkiy Dom zu brettern. Und lehrreich war die 'Ausfahrt' ebenfalls. Denn die von der Kälte (und Windchill) während der Fahrt vollends taub gewordenen Knie und Füsse veranlassten uns, aus Isomatten Windschutzknieschoner zu basteln. Diese sollten wir auf unserer bevorstehenden Fahrt von Longyearbyen zum Hanekammen Gebirge noch bitter nötig haben.

Und los geht's!

Richtig gepackt ist halb angekommen (Bild: René Keiser)Bevor wir ins Basecamp aufbrechen konnten, stand erst einmal Packen auf dem Programm. Sämtliches Gepäck für die ganze Expeditionscrew musste auf Transportschlitten geladen werden - Dufflebags, Boardbags, Expeditionszelte, zwei Jurten, Essensvorräte, ein Ofen, Kerosinvorräte, eine mobile Küche, Film- und Fotomaterial. Erneut standen wir vor einem Materialberg. Irgendwie schafften wir es aber, alles auf die Transportschlitten und Snowmobile aufzuladen und zu verschnüren. Voller Erwartungen, aber auch Respekt vor den kommenden Tagen setzten wir uns auf die Snowmobile und warteten auf den Startschuss von Steve: "We’re ready boys! Let’s go!"

Dem Snowmobil von Steve folgend brach unsere Schlitten-Karawane endlich aus Longyearbyen Richtung Südwesten auf. Vor uns ein Tagesritt durch ewig lange Gletschertäler, vorbei an der russischen Kohlemine Barentsburg am Grønfjord und weiter zum Pass am Christophersenfjellet. Obwohl wir bis dorthin schon vollends überwältigt waren von den skurrilen Formen der arktischen Kulisse, mahnte uns Steve immer wieder zur Gelassenheit. Die Krönung sollte erst noch kommen! Denn erst von diesem Pass runter, hinab auf den massiven Fridtjovbreen würden wir erst sehen, wohin uns unsere Reise eigentlich hinführen sollte.

Als hätte er es schon geahnt, war die Euphorie bei den einen wohl etwas zu gross und der erste Rollover mit dem Snowmobil samt Schlitten war auf halbem Weg Tatsache. Glücklicherweise verletzte sich niemand dabei und via Ferndiagnose übers Satellitentelefon konnten wir sogar der Snowmobil wieder zum laufen bringen. Das nötige Glück schien also auf unserer Seite zu stehen und es blieb nur zu hoffen, dass dies auch so bleiben würde. Denn es gab schönere Vorstellungen, als in der rauen Wildnis von Svalbard einen Rettungsnotruf absetzen zu müssen, notabene am ersten Tag unserer eigentlichen Expedition.
Pannendienst über Satellitentelefon (Bild: Salomon Frei)

Couloirs à gogo auf dem Weg zum Sagabreen (Bild: Salomon Frei)Steve hatte nicht zu viel versprochen. Die ersten Blicke über den Fridtjovbreen, den grössten Gletscher des zentralen Nordenskiöld Lands, entschädigten für alle Strapazen da draussen. Es blieb uns buchstäblich der Atem vor lauter unberührter, tief eingeschneiter Peaks im Hals stecken. So viele unglaublich schöne Couloirs in allen Himmelsrichtungen, dass wir uns kaum entscheiden konnten, welche denn fahrbar sein könnten. Eines der eindrücklicheren davon war das eigens von Steve benannte Tight Butt Hole Couloir.

Das konnte ja noch heiter werden, dachten wir uns, bevor wir das letzte Stück hinunter zum Van Mijenfjorden fuhren. Von der Gletscherzunge aus, ging es nur noch kurz seitlich in einen hufeisenförmigen Bergkessel hinauf auf eine Anhöhe des Sagabreens.

Da standen wir also, am Ort unserer Träume, umringt von der Bergkette des Hanekammen-Gebirges. Irgendwie unwirklich, plötzlich mittendrin zu stehen. Mitten in dem Ort, welchen wir bisher nur von Bildern kannten. Bilder, welche Ryan vor zwei Jahren während einer Schiffsreise durch die Fjorde von Svalbard geschossen hatte.

 

 

 

 

 

Basecamp auf dem Sagabreen

Aber wie es so ist, wenn Träume wahr werden. Irgendwann holt dich die Realität wieder ein. "C’mon guys, let’s build up our camp! It’s gonna get cold", holte uns Steve wieder auf den Boden der Realität und in die arktische Kälte zurück. Denn tatsächlich war von unserem Basecamp noch nichts zu sehen. Es mussten ebene Flächen und Windschutzmauern für unsere Expeditionszelte geschaufelt werden, denn vor den eisigen Winden geschützt und einigermassen in der Horizontalen schläft es sich nun mal besser. Zudem mussten die zwei Gemeinschaftszelte aufgebaut werden, damit richtig gekocht und gegessen werden konnte. Denn auf Dauer waren die den gefriergetrockneten Mahlzeiten zu verdankenden Flatulenzen ja nicht auszuhalten.

Apropos aushalten: wie es denn bei -30°C und Windchill auf dem Klo auszuhalten war, wollte sich wohl keiner so richtig vorstellen. Und so schenkten wir auch dem Bau eines windgeschützten Scheisshauses gebührende Beachtung. Wie sich später noch zeigen sollte, eignete sich unser Freiluft-Klohaus so auch bestens als Jump-Obstacle während einer Shithouse-Jam-Session.

Das ganze Camp musste in einer klar vorgegebenen Anordnung aufgebaut werden. Klo und Pee-tree sowie das Kerosindepot weit ausserhalb des Camps. Auch unsere Essensvorräte vergruben wir leicht abseits des Camps. Denn diese würde ein neugieriger und hungriger Eisbär als erstes aufsuchen. Die Expeditionszelte und Jurten stellten wir auf einer leichten Anhöhe in einer Linie auf, so dass man sich jederzeit rasch einen Überblick über das Basecamp und die Umgebung verschaffen konnte.

Ein wichtiger Aspekt wenn man bedenkt, dass wir zu unserem eigenen Schutz rund um die Uhr eine Eisbären-Wache aufrechterhalten musste. Keine einfache Aufgabe, das Camp all den Arktis-eigenen Anforderungen und Gefahren entsprechend aufzubauen. Aber dank der grossen Erfahrung von Steve und dem unermüdlichen Schaufeln der ganzen Crew, stand das ganze Basecamp bis zum Abend da wo und wie es sein sollte.

Wäre es unter der violett-orangen Mitternachtssonne nicht immer noch taghell geblieben, wären wir wohl alle todmüde in die dicken Daunenschlafsäcke gekrochen. Aber das ewigglühende Sonnenlicht wollte unsere Köpfe noch nicht so richtig zur Ruhe kommen lassen und so sinnierten wir noch länger über First Lines in unberührten Hänge in den kommenden Tagen.

Als wir nach wenigen Stunden Schlaf wieder aufwachten, hiess es das erste Mal in der arktischen Kälte aus den dicken Daunenschlafsäcken raus. Ein nicht allzu angenehmes Unterfangen, denn selbst in unseren Zelten waren die Temperaturen bis am Morgen unter den Gefrierpunkt gesunken und alles beinhart zugefroren. Damit war klar, dass nebst der Pinkelflasche auch alle anderen lebenswichtigen Gegenstände für den kommenden Tag im Schlafsack mit übernachten mussten. Zumindest waren so die Klamotten zur Hälfte trocken und man konnte tatsächlich ohne zu erfrieren aus den Zelten rauskriechen.

 

unser Basecamp auf dem Sagabreen (Bild: René Keiser)

Blick in den Bergkessel des Sagabreens (Bild: Salomon Frei)

Salomon bei der Shithouse Jam Session (Bild: René Keiser)

 

Tief verschneite, bis ans Polarmeer reichende Flanken -
wir waren am Ziel angekommen.

Kleivdalsnuten (Bild: Stefan Monn)

Die Vorfreude auf unsere erste Tour vom Basecamp aus liess uns nicht lange über die Strapazen der arktischen Kälte nachdenken und nach einem kurzem Frühstück - homemade Soulfood von Chief Erla Johansdottir - ging es direkt vom Camp aus dem Ostgrat hoch zum Kleivdalsnuten. Eine mit 606 m.ü.M. nicht allzu hohe Bergspitze, von dem sich jedoch einem die Sicht auf das westlich dahinterliegende Kleivdalsbekken mit der Van Muydenbucht und die Varsolbucht eröffnete. Bei dieser surrealen Aussicht von tief eingeschneiten, bis ins Polarmeer reichenden Flanken wurde uns nochmals richtig bewusst, dass wir am Ziel unserer Träume angekommen waren.

Während der ersten Rides runter ins Kleivdalen merkten wir jedoch, dass die dem Polarmeer zugewandte Seite deutlich mehr Wind abgekriegt hatte und die offenen Hänge ziemlich verblasen waren. Dem Südgrat weiter nach unten zogen sich steile und relativ schmale Couloirs in die Tiefe, in denen aber noch Pulverschnee zu finden war.

Die ersten Powder Turns in der Arktis waren also Tatsache und der langersehnte Traum vom Freeriden direkt runter ans Meer war Realität – hell yeah!

Kleivdalsnuten (Bild: René Keiser)

 

 

 

Hanekammen - die Magie des Bildes

Nach zwei weiteren Tagen und mehreren Touren rund um unser Basecamp auf dem Sagabreen waren wir bereit, um die ominösen Hanekammen Couloirs in Angriff zu nehmen. Die Vorfreude auf diese magischen, steilen und von Felsen umringten Rinnen war schon seit Tagen riesig. Denn genau wegen diesen Bergen waren wir ja eigentlich hergekommen. Im Grunde hatten wir diesen Trip sogar einem einzigen Foto dieser Couloirs zu verdanken, das Ryan Koupal vor zwei Jahren auf seiner Schiffsfahrt machte und Stefan damals in Portugal im Internet fand. "Wahnsinn!" dachten wir uns, als wir nun wirklich da standen - am Fusse des mittleren Y-Couloirs, einer nach oben hin zweigeteilten, endlos erscheinenden Rinne von ca. 45° Grad Gefälle. Einmal mehr hiess es Steigeisen und Eispickel zu montieren und das ganze Ding geradeaus hinaufzuklettern.

Zu unser grossen Überraschung fanden wir während des Aufstieges an den windgeschützten Stellen zwischen den senkrechten Felsrinnen erneut feinsten Powder vor. Kein Wunder kriegte auf dem Gipfel die ganze Crew ihr fettes Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Die Aussicht auf das weit unten liegende Camp liess erahnen, dass es sich um einen der höheren Gipfel rund um den Sagabreen handelte. Über 500 Höhenmeter bis zur Gletscherzunge mit Blick auf die Fridtjovhamna Bucht und den gegenüberliegenden Unknown Peak p. 620 standen uns bevor. Eine bessere Location für ein paar Freeride-Shots hätten wir uns nicht wünschen können. Als diese im Kasten waren, musste definitiv eine Flasche des guten alten Grappas dran glauben. Die 'Swiss Army Knives', wie uns Camp Guide Stian Aadland inzwischen zu nennen pflegte, kriegten sich nach so einem Tag so schnell nicht mehr ein. ‘‘Highly amazing‘‘ sozusagen!

 

Stefan (Bild: René Keiser)

Rene (Bild: Stefan Monn)

Salomon (Bild: 40 Tribes Backcountry)

 

freshies Peak

Als wir - wohlverstanden vom ganzen Stoke etwas euphorisiert - um zwei Uhr morgens aus dem Gemeinschaftszelt traten, lag es wohl einmal mehr an der ewig kreisenden Mitternachtssonne, dass die schneeweissen Berge rundherum in allen Farben erschienen. Besonders der unbenannte Peak 620 südlich unseres Camps erstrahlte zu dieser Tageszeit jeweils in unwirklichen halluzinogenen Farben. "Um Mitternacht, genau bei diesem Licht, da oben stehen!" - das war nun der Plan für den morgigen Tag.

Um diesem Ziel näher zu kommen, gingen wir den nächsten Tag etwas gemütlicher an. Denn für diesen Berg mussten die Beine und auch der Kopf wirklich fit sein. Keine Fehler durften passieren bei einem Hang mit rund 50° Steigung, durchsetzt von Windlips und massiven Felsvorsprüngen. So wagten wir uns morgens lediglich ein weiteres Mal auf den bereits bekannten Kleivdalsnuten, bevor wir uns mitten am Nachmittag noch einmal schlafen legten. Spielte ja sowieso keine Rolle bei einem 25 Stunden Tag mit stetem Sonnenlicht.

Als wir kurz vor Mitternacht in unseren Zelten aufwachten, waren wir schon etwas nervös, denn die möglichen Lines an diesem Monster Face vom Unknown Peak 620 sahen doch ziemlich heftig aus von hier unten. Klirrend kalt war’s an diesem Abend, noch viel kälter als an den Tagen zuvor. Mit -30° C und einem leichten Wind etwa so kalt, dass man nach 10 Sekunden ohne Handschuhe den Auslöser an der Kamera kaum mehr runterzudrücken vermochte. Aber dies sollte die Herausforderung von Laki sein, welcher für die Filmaufnahmen und Eisbärenwache im Camp blieb.

Als uns unser Lead Guide Greg Johnson endlich mit den Worten "Ok let's go for it boys - now!" von unserer Anspannung erlöste, gab es kein Halten mehr. Es hätte in unseren Ohren nicht besser klingen können und so schlugen wir für die nächsten anderthalb Stunden senkrechte Tritte in die steile Wand.

 

Stefan - keep smiling (Bild: René Keiser)

Die Swiss Army Knives im Aufstieg zum freshies Peak (Bild: Stefan Monn)

René - der Weg ist das Ziel (Bild: Stefan Monn)

Aufstieg zum freshies Peak (Bild: Stefan Monn)

Stefan - First Line (Bild: Stefan Monn)

Aussicht auf dem freshies Peak

Wäre uns das Adrenalin nicht schon längst bis zum Anschlag hochgeschossen, hätten wir den Peak wohl nicht in so kurzer Zeit erreicht. Aber wie es so ist, wenn man kurz davorsteht, sich den Traum einer Erstbefahrung erfüllen zu können - die Beine tragen dich plötzlich wie von alleine. Und Schmerzen spürt trotz gebrochenen Zehen auch keiner mehr! Schon gar nicht bei der Aussicht von diesem unbenannten Berggipfel aus. Kurzerhand erlösten wir den Berg auch von seinem namenslosen Dasein und tauften ihn in "freshies Peak" um.

Nach kurzem Schere-Stein-Papier, dem unter uns üblichen Verfahren, die First Line auszuknobeln, hatte Stefan die grosse Ehre, "unseren" eigenen Berg auf Svalbard zu entjungfern. Was für ein Gefühl es ist, um 12 Uhr nachts bei pinkfarbener Mitternachtssonne 50° steile Spines in arktischem Powder runterzufahren, lässt sich nicht annähernd beschreiben. Aber ein 'dezentes' Jauchzen umrahmt von kreischenden Seemöwen und laut brüllenden Eisbären trifft es wohl am besten.

The Swiss Mafia

 

Geburtstagsparty auf dem Grånutbreen

Die Erstbefahrung des freshies Peak war eigentlich nicht mehr zu toppen, zumindest nicht rund um die Berge vom Sagabreen. So entschieden wir uns am nächsten Tag für eine Tour Richtung Grånutbreen im nächstgelegenen Seitental. Leider war beim Aufstieg zum Granutane die Südostwand komplett vereist, so dass wir entschieden, den Aufstieg frühzeitig abzubrechen. Nach kurzer Überquerung des Gletschers auf die andere Talseite fanden wir zur Krönung von Salomons Geburtstagsfeier doch noch einen mit fetten Windlips durchsetzten Nordwesthang an der Rückseite des Hanekammen. Wenn das mal nicht nach Powder aussah da oben!

Beim Aufstieg galt es jedoch erst noch die überhängende Windlip zu überwinden. Nach längerer Vorarbeit von Stefan, welcher seine Stöcke kurzerhand zur Axt umfunktionierte, schafften wir den Durchbruch an dieser Wächte und konnten einem schönen Nordgrat entlang bis zum eigenhändig benannten Salomon Peak aufsteigen. Zum Erstaunen aller war es oben auf dem Grat komplett windstill und es konnte unter der Polarsonne auf dem Gipfel zu Tee und guter Musik ausgiebig gefeiert werden, bevor wir dann unsere Birthday Lines in den Powder bis runter auf den Grånutbreen zogen.

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk als diese Line hätte sich in diesem Moment beim besten Willen keiner von uns vorstellen können.

Zum Abschluss des Tages galt es nochmals die Skins aufzuziehen und über den Fridtjovbreen runter ans Polarmeer zu laufen. Vom beeindruckenden Gletscherabbruch aus ging es hoch auf den Sagabreen zurück in unser Basecamp. Schon komisch, wenn man nach rund einer Woche in arktischer Wildnis so langsam das Gefühl kriegt nach Hause zu kommen - nach Hause in ein Basecamp aus Jurten und Expeditionszelten, umringt von Windmauern und unglaublich schönen Bergketten. Ein Zuhause, wo wir es noch eine ganze Weile ausgehalten hätten.

Dieses Seitental im zentralen Nordenskiöld Land, dem mittleren Westen von Svalbard, hatte es uns inzwischen wirklich angetan mit all seiner Schönheit, dem rauen Klima, der eisigen Kälte und seiner endlosen Weite bis auf die andere Seite des Van Mijenfjords. Es hätte noch unzählige Möglichkeiten gegeben, hier in der arktischen Eiswüste im wahrsten Sinne des Wortes First Lines zu fahren.

 

Rene - big smile (Bild: Stefan Monn)

Stefan - im Hintergrund unser Basecamp (Bild: René Keiser)

Salomon - Aufstieg zum Hanenkammen (Bild: Stefan Monn)

Gruppe im Aufstieg auf dem Granutbreen (Bild: René Keiser)

Gruppe im Aufstieg auf den Granutane (Bild: Stefan Monn)

Salomon und Ryan unterwegs auf dem Fritjovbreen (Bild: René Keiser)

 

Zurück in der Zivilisation

Nach so vielen unglaublichen Impressionen, wahnsinnigen Eindrücken und wilden Erlebnissen fühlte es sich auch nach einer Woche in der Wildnis immer noch wie ein unwirklicher Traum an. Wir konnten uns nur schwer vorstellen, von 'unserem' Sagabreen überhaupt je wieder wegzugehen. Aber auch in der arktischen Eiswüste kommt einmal das zu erwartende Ende. Und so war es nach all den Tagen draussen in der Kälte auch für uns an der Zeit, die Zelte auf dem Sagabreen wieder abzubrechen und in die Zivilisation zurückzukehren.

Bevor wir aber unserem Basecamp den Rücken kehrten, hiess es alles säuberlich abzubauen und wegzuräumen. Wir durften keine Spuren von uns hinterlassen - so als wären wir nie an diesem Ort gewesen. Die Wildtiere sollten sich in keiner Weise an menschliche Nähe gewöhnen können und auch die einmalige Natur galt es nicht zu verschmutzen. Und schlussendlich sollten auch mögliche Nachfolger einer späteren Expedition keine Hinterlassenschaften von uns auf dem Gletscher vorfinden.

Wie ein Film fühlte es sich an, als wir wieder in einer langen Karawane mit unseren Schlitten den Fridtjovbreen hoch Richtung Longyearbyen fuhren. Unzählige Bilder und Erinnerungen gingen uns auf der Rückfahrt durch den Kopf. Das stetige Brummen der Snowmobile im Ohr. Man hätte sich fast einlullen lassen können, wäre da nicht der eisige Gegenwind gewesen, der einem von Zeit zu Zeit wieder aus dem Halbschlaf riss. Mit etwas Wehmut und der nun definitiv spürbaren Müdigkeit in den Knochen näherten wir uns langsam wieder der Zivilisation.

Zugegeben, die Gedanken an eine warme Dusche, ein kühles Bier und ein richtiges, und vor allem auch warmes Bett, hatten in diesem Moment durchaus auch ihren Reiz! Und gestunken haben wir bestimmt allesamt schlimmer als die streng nach Fisch riechenden Walrosse vorne am Strand.

Nach dem langen Ritt zurück bei Fyodor im Russkiy Dom in Longyearbyen angekommen, wurde uns erst so richtig klar, wie lange wir wirklich da draussen in der eisigen Wildnis waren. All diese Leute, die vielen Häuser, Snowmobile, Autos, Internet und Hausschuhe - an all dies mussten wir uns erst einmal wieder gewöhnen. Daran änderte auch die wohl längste Dusche seit Menschengedenken nichts. Trotzdem hatten uns die Unannehmlichkeiten des Alltags schon viel zu schnell wieder eingeholt. Und dennoch waren unsere Gedanken und wohl auch ein Teil unserer Seele noch immer da draussen auf dem Sagabreen.

Eines war damit zumindest sicher: "Svalbard hat etwas Magisches an sich. Es ermöglichte uns ein unglaubliches Abenteuer zu erleben und schenkte uns unvergessliche Erinnerungen. Im Gegenzug behielt es aber einen grossen Teil unserer Seele für sich zurück! Was bleibt uns also anderes übrig, als irgendwann in der Zukunft nach Svalbard zurückzukehren? Auf ein Wiedersehen am 78. Breitengrad Nord!

Svalbard Lufthavn

Longyearbyen - Hiorthfjellet und Operafjellet

Wegweiser

freshies Peak - Aufstieg

Stefan - Hanekammen

Camplife - Stefan und Rene beim Aufwaermen nach der Eisbaerenwache

Stefan - freshies peak

freshies peak - sw

gjelder hele

freshies Peak

Russkij Dom - unser Hostel in Longyearbyen

Mond

Mitternachtssonne im Eis

Basecamp Sagabreen

das Imperium schlaegt zurueck

Kleivdalsnuten

Special Thanks

ohne eure Unterstützung wäre es nicht gegangen

Unser Logistikpartner und Arctic Guide vor Ort
Splitboard Equipment
Freeski Equipment

 

 

Vielen Dank an die gesamte Crew für ein erlebnisreiches Abenteuer

Guides & Locals:

Steve Lewis - The Empire / serious worker
Stian Aadland - Camp Guide / highly successful polar bear protection
Laki Ingolfsson - Camp Guide / kerosineer
Erla Johanndsdottir - Chef de Cuise / soul food
Ryan Koupal - 40 Tribes Backcountry founder / mr. coffee
Greg Johnson - 40 Tribes Backcountry lead guide / momjohn
Fyodor Gilbo - Russkiy Dom Longyearbyen

 

Fellow Riders:

Trond Hindenes - trondnet
Simen Opsal - mr. broken toe
Nick Welsh - chili nøtter

 
 

www.freshies.ch

Fragen?

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